Warum fühlt sich alles sinnlos an bei einer Angststörung?

Irgendwann ging es nicht mehr nur um die Angst
Als meine Angststörung begann, dachte ich, die Angst selbst wäre das eigentliche Problem. Die Sorgen, die Panikattacken, die körperlichen Symptome wie das Herzrasen und die ständige Anspannung. All das war belastend, keine Frage. Mit der Zeit bemerkte ich jedoch etwas, das mich fast noch mehr erschreckte: Das Leben fühlte sich immer sinnloser an.
Damals hätte ich dieses Gefühl kaum beschreiben können. Es war keine Traurigkeit und auch keine Depression im eigentlichen Sinn. Vielmehr hatte ich das Gefühl, dass mir das Leben irgendwie entgleitet. Die Tage vergingen, aber sie hinterließen kaum Spuren. Termine kamen und gingen, Wochen verstrichen. Dinge, die früher wichtig gewesen waren, verloren an Bedeutung. Man funktioniert zwar noch, aber innerlich fragt man sich immer öfter, wofür eigentlich.
Genau dieser Gedanke machte mir Angst. Nicht, weil ich keine Ziele mehr hatte oder mir alles egal geworden wäre, sondern weil ich mich selbst kaum wiedererkannte. Früher hatte ich Pläne, es gab Vorfreude und ich dachte darüber nach, was ich erleben wollte. Plötzlich bestand ein großer Teil meines Lebens nur noch daraus, irgendwie durch den nächsten Tag zu kommen.
Die Angst wird zum Mittelpunkt des Lebens
Eine Angststörung hat die unangenehme Eigenschaft, immer mehr Raum einzunehmen. Anfangs betrifft sie vielleicht nur einzelne Situationen, später dreht sich fast alles darum. Irgendwann wacht man morgens auf und der erste Gedanke hat bereits mit der Angst zu tun. Noch bevor der Tag richtig begonnen hat, läuft das Gedankenkarussell auf Hochtouren: Wie geht es mir heute? Werde ich den Termin schaffen? Was passiert, wenn die Angst wieder stärker wird? Was ist, wenn etwas schiefgeht?
Wer das über Wochen oder Monate erlebt, beschäftigt sich zwangsläufig immer weniger mit anderen Dingen. Wünsche treten in den Hintergrund, Träume werden verschoben und Interessen verlieren an Bedeutung. Das Leben wird kleiner, ohne dass man es zunächst bemerkt.
Dieser Prozess lief bei mir etwa über 5 Jahre, langsam stetig fortschreitend. Es unbemerkt, dann spürbar. Und ich verdrängte diese Anzeichen.
Rückblickend hatte ich dann irgendwann das Gefühl, dass mein Kopf kaum noch Platz für etwas anderes hatte. Die Angst saß ständig mit am Tisch. Sie war bei Entscheidungen dabei, bei Verabredungen und sogar dann, wenn eigentlich gar nichts los war. Kein Wunder also, dass irgendwann das Gefühl entsteht, alles drehe sich nur noch im Kreis. Wer ständig versucht, Probleme zu lösen, denkt irgendwann kaum noch darüber nach, was das Leben eigentlich lebenswert macht.
Funktionieren ist nicht dasselbe wie leben
Nach außen betrachtet sah damals vieles völlig normal aus. Ich stand auf, erledigte Dinge, führte Gespräche, arbeitete und ging einkaufen. Vermutlich hätten viele Menschen gedacht, dass bei mir alles in Ordnung ist. Innerlich fühlte es sich oft ganz anders an.
Es gibt einen großen Unterschied zwischen Leben und Funktionieren. Genau diesen Unterschied habe ich während meiner Angststörung schmerzhaft kennengelernt.
Funktionieren bedeutet, Aufgaben zu erledigen, Termine einzuhalten und irgendwie durch den Alltag zu kommen.
Leben bedeutet etwas anderes. Leben bedeutet Interesse, Neugier, Vorfreude und Verbindung. Das Gefühl, dass es neben den Problemen noch andere Dinge gibt.
Irgendwann hatte ich den Eindruck, dass mein Leben hauptsächlich aus Pflichten bestand. Alles drehte sich um das, was erledigt werden musste. Kaum war eine Herausforderung geschafft, wartete die nächste. Kaum war eine Sorge verschwunden, tauchte die nächste auf. Dadurch entstand das Gefühl, ständig beschäftigt zu sein und gleichzeitig nirgendwo wirklich anzukommen.
Warum der Sinn verloren geht
Heute glaube ich, dass viele Menschen die Sinnlosigkeit bei einer Angststörung falsch verstehen. Sie denken, mit ihnen stimme etwas nicht, sie hätten ihren Lebenssinn verloren oder seien plötzlich zu pessimistisch geworden. Meine Erfahrung war eine andere: Der Sinn war nicht verschwunden. Ich konnte ihn nur nicht mehr sehen.
Stell dir vor, du läufst monatelang mit einem schweren Rucksack auf dem Rücken herum. Anfangs fällt das Gewicht kaum auf. Nach einiger Zeit wird jede Bewegung anstrengender und irgendwann beschäftigt man sich fast nur noch mit der Last.
Genau so habe ich die Angst erlebt. Sie war ständig präsent, verlangte Aufmerksamkeit, wollte analysiert und verstanden werden. Dadurch rückte alles andere in den Hintergrund. Kein Mensch denkt ständig über Freude, Ziele oder Sinn nach, wenn er den ganzen Tag damit beschäftigt ist, innere Brände zu löschen. Genau deshalb fühlen sich viele Betroffene irgendwann leer – nicht weil ihr Leben wertlos geworden wäre, sondern weil die Angst sämtliche Aufmerksamkeit verschlingt.
Das Leben wird eingeschränkt
Eine weitere Falle besteht darin, dass sich das Leben zunehmend auf die Angst konzentriert. Gespräche, Gedanken und Entscheidungen drehen sich irgendwann nur noch um die Symptome. Dadurch entsteht der Eindruck, als wäre die Angst das wichtigste Thema überhaupt.
Dabei stimmt das gar nicht. Die Angst ist nur ein Teil des Lebens. Während einer schwierigen Phase fühlt sie sich allerdings wie das ganze Leben an.
Genau dort entsteht oft die Sinnlosigkeit. Wenn sich alles nur noch um Probleme dreht, verliert man irgendwann den Kontakt zu den Dingen, die einem früher wichtig waren. Man hört auf, neugierig zu sein oder nach vorne zu schauen, und beschäftigt sich fast ausschließlich mit dem Hier und Jetzt der Angst.
Rückblickend war das einer meiner größten Irrtümer: Ich glaubte damals, ich müsste zuerst die Angst loswerden, bevor mein Leben weitergehen kann. Zuerst muss diese Angststörung weg, dann kann ich wieder Freude empfinden und glücklich sein. Dadurch verschob ich alles auf später.
Was mir geholfen hat
Eine wichtige Veränderung begann in dem Moment, als ich aufhörte, ständig nach dem Sinn zu suchen. Das klingt vielleicht merkwürdig, war für mich aber entscheidend. Je verzweifelter ich versuchte herauszufinden, warum sich alles sinnlos anfühlt, desto mehr drehte ich mich im Kreis.
Stattdessen begann ich, meinen Blick wieder vorsichtig nach außen zu richten. Nicht auf die großen Lebensfragen und nicht auf die nächsten zehn Jahre, sondern einfach auf den nächsten Schritt. Auf Dinge, die mir früher einmal wichtig gewesen waren. Auf Menschen, die mir guttaten. Auf kleine Interessen, die irgendwo unterwegs verloren gegangen waren.
Der Sinn kehrte nicht plötzlich zurück und er kam auch nicht mit einer großen Erkenntnis. Vielmehr entstand er langsam wieder dort, wo echtes Leben stattfand.
Meine Erfahrungen
Wenn sich bei einer Angststörung alles sinnlos anfühlt, bedeutet das nicht automatisch, dass das Leben tatsächlich sinnlos geworden ist. Oft zeigt dieses Gefühl vielmehr, wie erschöpft ein Mensch geworden ist. Wer über lange Zeit mit Sorgen, Anspannung und inneren Kämpfen beschäftigt war, verliert leicht den Blick für das, was außerhalb dieser Angst noch existiert.
Genau das ist mir passiert.
Heute sehe ich diese Phase anders. Das Gefühl der Sinnlosigkeit war nicht die Wahrheit über mein Leben. Es war die Sicht eines Menschen, der viel zu lange nur noch auf seine Angst geschaut hatte. Erst als mein Blick wieder weiter wurde, bemerkte ich etwas Wichtiges: Das Leben hatte die ganze Zeit auf mich gewartet. Nicht perfekt und nicht sorgenfrei, aber deutlich größer, als meine Angst mich glauben lassen wollte.
Heute weiß ich, nach den vielen Jahren mit diesen Erfahrungen:
Die Angst bestimmt nicht meine Identität.
Es gibt Hoffnung und Zuversicht trotz der Angststörung.
Wir können trotz der Angststörung glücklich sein.
Selbstverständlich sollten wir bedenken, dass wir uns selbst mit zunehmendem Alter verändern.
Früher waren es oft große Dinge, die begeistert haben. Heute sind es manchmal die kleinen Momente, die plötzlich eine ganz besondere Bedeutung bekommen.
Meine Erfahrungen sind, dass ich mehr Freude im Leben habe, je gelassener ich bin. Und ja, vielleicht auch viele Dinge im Alltag einfach cooler nehme.
Ja, wir können unsere Lebensfreude trotz der Angststörung zurückgewinnen.

