Warum die Angststörung nicht uns als Mensch definiert

Wer über längere Zeit mit Ängsten oder Panikattacken lebt, verliert manchmal etwas aus dem Blick, das eigentlich selbstverständlich sein sollte: sich selbst. Genau das ist mir passiert. Nicht von heute auf morgen. Vielmehr schleichend, fast unbemerkt.

Die Angst bestimmt nicht meine Identität

Anfangs wollte ich einfach nur verstehen, was mit mir los ist. Weshalb mein Körper ständig Alarm schlug. Warum mein Herz raste, obwohl keine Gefahr zu erkennen war. Weshalb mein Kopf ununterbrochen nach Problemen suchte. Je länger dieser Zustand anhielt, desto mehr drehte sich mein Leben um die Angst. Gedanken kreisten um Symptome. Gute Phasen bedeuteten Erleichterung, schlechte Phasen fühlten sich wie Rückschläge an. Irgendwann stand die Angst so sehr im Mittelpunkt, dass alles andere in den Hintergrund rückte.

Der Rückblick

Rückblickend empfinde ich das als einen der schmerzhaftesten Aspekte einer Angststörung. Nicht nur die Angst selbst kostet Kraft. Noch belastender kann die Vorstellung werden, dass sie das eigene Wesen beschreibt. Genau dieser Gedanke setzte sich damals immer stärker in meinem Kopf fest. Ich sah mich als ängstlichen Menschen, so habe ich mich definiert. Aus einem Zustand wurde eine Identität. Aus einem Problem wurde scheinbar meine Persönlichkeit. Heute weiß ich, wie sehr mich diese Sichtweise zusätzlich belastet hat.

Als ich mich selbst aus den Augen verlor

Ich weiß noch, dass ich schon als junger Mensch ängstlich war, auch unsicher. Aber, diese Angst hatte mich noch nicht im Griff. Früher hätte ich mich deshalb ganz anders beschrieben. Wahrscheinlich hätte ich von Dingen erzählt, die mir Freude machen. Von Eigenschaften, auf die ich stolz bin. Von Träumen, Plänen oder Menschen, die mir wichtig sind. Während der schwierigsten Zeit meiner Angststörung wären mir diese Antworten kaum noch eingefallen. Stattdessen beschäftigte ich mich fast ausschließlich mit Sorgen, Symptomen und Befürchtungen. Jede Aufmerksamkeit floss in dieselbe Richtung. Dadurch entstand der Eindruck, als gäbe es nichts anderes mehr.

Besonders deutlich wurde mir das eines Tages, als ich darüber nachdachte, wer ich eigentlich noch bin. Die Frage klang simpel, brachte mich jedoch ins Grübeln. Lange Zeit hatte ich versucht herauszufinden, warum die Angst da ist. Zum ersten Mal fragte ich mich, wer unter all dieser Angst eigentlich noch und wie als Mensch existiert. Die Antwort war gar nicht so einfach. Schließlich hatte ich mich über Jahre fast ausschließlich mit Problemen beschäftigt. Nach und nach tauchten jedoch Erinnerungen auf. Erinnerungen an Eigenschaften, die längst nicht verschwunden waren. Erinnerungen an Interessen, die irgendwo unter Sorgen und Grübeleien begraben lagen. Erinnerungen an den Menschen, der schon lange vor der Angst existiert hatte.

Genau in diesem Moment begann sich etwas zu verändern. Mir wurde klar, dass die Angst zwar einen großen Teil meines Alltags eingenommen hatte, aber niemals mein gesamtes Wesen geworden war. Unter all den Sorgen war immer noch derselbe Mensch vorhanden.

Wir sind mehr als die Summe aus Angst und Panik

Angst besitzt die unangenehme Fähigkeit, alles im Leben kompliziert erscheinen zu lassen. Sie drängt sich in den Vordergrund und fordert Aufmerksamkeit. Wer täglich mit ihr kämpft, verbringt zwangsläufig viel Zeit damit, über sie nachzudenken. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, als sei sie das Wichtigste überhaupt. Doch nur weil etwas da ist, wird es nicht automatisch zum Mittelpunkt unserer Persönlichkeit.

Mit der Zeit begann ich, mich wieder an die Dinge zu erinnern, die mich tatsächlich ausmachen. Plötzlich standen nicht mehr nur Symptome im Fokus. Stattdessen rückten Eigenschaften in den Vordergrund, die schon immer zu mir gehört hatten. Ich liebe gute Gespräche. Mich interessieren Menschen und ihre Geschichten. Ruhe in der Natur tut mir gut. Ehrlichkeit bedeutet mir viel. Humor begleitet mich selbst an schwierigen Tagen. All das war nie verschwunden. Die Angst hatte lediglich dafür gesorgt, dass ich kaum noch darauf geachtet habe, weil die Angststörung mit Mittelpunkt meines Lebens war.

Vielleicht liegt genau darin eine wichtige Erkenntnis. Eine Angststörung kann viel Raum einnehmen. Sie kann das Denken beeinflussen, den Alltag erschweren und zeitweise sämtliche Aufmerksamkeit verschlingen. Trotzdem bleibt sie nur ein Teil eines Menschen. Kein Mensch besteht ausschließlich aus seinen Ängsten. Hinter jeder Angst und Panik steckt eine Persönlichkeit. Hinter jedem Symptom steckt ein Mensch mit Erfahrungen, Wünschen, Stärken und Hoffnungen.

Die Angst erzählt nicht die ganze Wahrheit

Viele Gedanken, die während einer Angststörung entstehen, fühlen sich unglaublich überzeugend an. Genau deshalb glauben wir ihnen oft. Mir ging es nicht anders. Häufig war ich überzeugt, nie wieder unbeschwert sein zu können. Manche Tage fühlten sich wie ein Beweis dafür an, dass mein Leben dauerhaft von Angst bestimmt werden würde. Rückblickend erkenne ich jedoch, wie einseitig diese Sichtweise war.

Die Angst erzählt gerne Geschichten. Meistens sind es düstere Geschichten. Geschichten über Gefahren, Unsicherheiten und mögliche Katastrophen. Geschichten darüber, dass man schwach geworden sei oder nie wieder glücklich werden könne. Wer diese Gedanken oft genug hört, beginnt irgendwann, sie für die Wahrheit zu halten.

Doch Wahrheit und Angst sind nicht dasselbe.

Während die Angst mir einredete, ich hätte mich vollständig verändert, zeigte das echte Leben etwas anderes. Freunde kannten mich noch immer als denselben Menschen. Menschen lachten mit mir. Gute Gespräche entstanden weiterhin. Schöne Momente tauchten selbst während schwieriger Phasen auf. Manchmal dauerte es nur wenige Minuten, manchmal mehrere Stunden, bis ich bemerkte, dass die Angst gerade überhaupt keine Rolle spielte. Solche Augenblicke waren wichtig. Sie erinnerten mich daran, dass mein Leben größer ist als meine Sorgen.

Ein Kapitel meiner Geschichte

Heute würde ich niemals behaupten, die Angst hätte keinerlei Spuren hinterlassen. Natürlich hat sie mein Leben geprägt. Und es gab Zeiten, die unglaublich schwer waren. Manche Erfahrungen hätte ich mir freiwillig nie ausgesucht. Trotzdem betrachte ich diese Phase inzwischen anders.

Statt die Angst als meine Identität zu sehen, betrachte ich sie als einen Teil meiner Geschichte. Jeder Mensch sammelt Erfahrungen, die ihn prägen. Manche Erfahrungen sind wunderschön. Andere sind schmerzhaft. Wieder andere fordern uns heraus und bringen uns an unsere Grenzen. Genau dazu gehört auch die Angst.

Eine Geschichte besteht jedoch aus vielen Kapiteln. Niemand würde ein ganzes Buch anhand eines einzigen Kapitels beurteilen. Weshalb sollten wir unser gesamtes Leben auf eine schwierige Phase reduzieren? Genau das habe ich lange getan. Heute möchte ich das nicht mehr. Mein Leben umfasst deutlich mehr als Sorgen und Panikattacken. Freundschaften gehören dazu. Erinnerungen gehören dazu. Hoffnungen gehören dazu. Freude gehört dazu. Selbst an Tagen, an denen die Angst laut wird, bleibt all das vorhanden.

Was ich heute über mich weiß

Früher stellte ich mir oft die Frage, wann die Angst endlich verschwinden würde. Heute interessiert mich eine andere Frage viel mehr:

Wie möchte ich mein Leben gestalten, unabhängig davon, ob die Angst gerade da ist oder nicht?

Angst ist nicht meine Identität

Diese Veränderung hat vieles leichter gemacht. Nicht weil sämtliche Probleme verschwunden wären, sondern weil die Angst ihren Platz verloren hat, den sie früher in meinem Selbstbild eingenommen hatte. Sie bestimmt nicht mehr, wer ich bin. Sie entscheidet nicht über meinen Wert, und sie definiert nicht meine Persönlichkeit.

Wenn ich heute beschreiben soll, wer ich bin, denke ich nicht zuerst an Angst. Ich denke an die Menschen, die ich liebe. An Dinge, die mich begeistern und auch an die Eigenschaften, die mich ausmachen. An Ziele, die ich noch erreichen möchte. Natürlich gehört die Angst weiterhin zu meiner Geschichte. Sie wird vermutlich immer ein Teil meiner Vergangenheit bleiben. Doch zwischen „Die Angst ist Teil meines Lebens“ und „Die Angst bin ich“ liegen Welten.

Genau deshalb bedeutet dieser Gedanke für mich so viel: Die Angst kann mich begleiten. Sie kann auftauchen, nerven und manchmal sogar richtig heftig werden. Was sie nicht kann, ist bestimmen, wer ich bin. Diese Entscheidung liegt bei mir. Und je länger ich meinen Weg gehe, desto klarer erkenne ich, dass kein Mensch auf seine Ängste reduziert werden sollte. Hinter jeder Angst steckt ein Mensch. Ein Mensch mit einer eigenen Geschichte und ein Mensch mit Stärken, Hoffnungen und Träumen. Ein Mensch, der immer weit mehr ist als die Summe seiner Angst und Panik.

Ich bin mir sicher, dass auch das Älterwerden im Leben – mit all seinen Erkenntnissen und Erfahrungen – vieles verändert. Wir denken an die Vergänglichkeit.

Zunehmend wurde mir bewusster, dass wir unser Leben niemals perfekt gestalten können. Vielmehr sollten wir manches hinnehmen was wir nicht verändern können. Heute nenne ich das ganz einfach – Cool sein, laufen lassen und akzeptieren.

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