Konflikte – davor habe ich echt Angst

Konflikte – davor habe ich echt Angst

Konflikte – Wenn ein Streit viel länger dauert als das eigentliche Ereignis

Das gebe ich offen zu: Ich habe Angst vor Konflikten. Das ist nichts, worauf ich stolz bin, aber es ist die Wahrheit. Manche Menschen können sich streiten, ihre Meinung sagen und anschließend ganz normal weitermachen. Ich habe solche Menschen immer beneidet. Bei mir läuft das anders. Wenn es einen Konflikt gibt, dann endet er nicht in dem Moment, in dem das Gespräch vorbei ist. Während andere längst wieder mit ihrem Alltag beschäftigt sind, denke ich noch darüber nach, was gesagt wurde, was ich hätte sagen sollen und was die andere Person jetzt möglicherweise von mir denkt. Genau das macht Konflikte für mich so schwer. Es ist nicht nur die Situation selbst. Es ist das, was danach passiert.

Vor Kurzem wurde mir das wieder bewusst. Eigentlich war gar nichts Dramatisches geschehen. Eine unangenehme Begegnung, unterschiedliche Ansichten, ein paar unschöne Worte. Dinge, die wahrscheinlich jeden Tag irgendwo passieren. Für viele Menschen wäre das Thema damit erledigt gewesen. Für mich leider nicht. Kaum war ich wieder zu Hause, begann das Gedankenkarussell. Was passiert, wenn wir uns wieder begegnen? Wird die Geschichte weitererzählt? Habe ich mich richtig verhalten? Was denken andere darüber? Je länger ich darüber nachdachte, desto größer wurde die Sache. Aus wenigen Minuten wurde in meinem Kopf ein Problem, das plötzlich den ganzen Tag bestimmte.

Die Angst denkt immer einen Schritt weiter

Das Gemeine an einer Angststörung ist, dass sie sich selten mit dem begnügt, was tatsächlich passiert ist. Sie interessiert sich viel mehr für das, was passieren könnte oder, aus einer verbalen Auseinandersetzung entstehen kann. Während ein anderer Mensch vielleicht denkt: „War eine blöde Situation, jetzt ist sie vorbei“, beginnen die Gedanken gleich im Kopf loszurennen. Was ist, wenn das Folgen hat? Was ist, wenn andere Menschen davon erfahren? Was ist, wenn ich schlecht dastehe? Was ist, wenn daraus ein größerer Konflikt entsteht? Auf einmal beschäftigt man sich nicht mehr mit der Realität, sondern mit einer langen Reihe von Möglichkeiten. Jede einzelne davon erscheint wichtig. Jede einzelne fühlt sich an, als müsste man sich darauf vorbereiten.

Das Verrückte daran ist, dass man oft selbst merkt, wie unwahrscheinlich vieles davon ist. Trotzdem lässt einen der Gedanke nicht los. Die Angst fragt nicht, ob etwas wahrscheinlich ist. Sie fragt nur, ob etwas möglich ist. Und wenn etwas möglich ist, behandelt sie es manchmal so, als würde es bereits vor der Tür stehen. Genau deshalb kann ein kleiner Konflikt für Menschen mit Angststörungen eine enorme Belastung werden. Nicht wegen des Konflikts selbst, sondern wegen der Gedanken, die danach entstehen.

Warum mich Konflikte so stark beschäftigen

Ich glaube, ein Teil des Problems ist, dass ich wirklich Harmonie mag. Ich möchte mit Menschen auskommen. Und möchte mein Leben leben, mit meinen Hunden spazieren gehen, keinen Ärger mit anderen haben und keinen Streit. Ich habe kein Interesse an Streitigkeiten, Machtspielen oder irgendwelchen Dorfgeschichten. Deshalb treffen mich Konflikte oft stärker, als sie andere Menschen treffen. Während manche einfach die Schultern zucken und weitermachen, beschäftigt mich die Frage, warum es überhaupt so weit kommen musste.

Vielleicht kennen das viele Menschen mit Angststörungen. Man möchte niemandem etwas Böses. Und sucht keinen Streit. Gerade deshalb trifft einen ein Konflikt oft besonders hart. Es entsteht das Gefühl, die Situation kontrollieren zu müssen. Man möchte Missverständnisse ausräumen, sich erklären, alles richtigstellen. Das Problem ist nur, dass das selten funktioniert. Je mehr man versucht, alles gedanklich zu lösen, desto tiefer verstrickt man sich darin. Irgendwann kreisen die Gedanken nur noch um ein einziges Thema.

Nicht jeder Konflikt ist eine Bedrohung

Eine Erkenntnis hat lange gebraucht, bis sie bei mir angekommen ist. Nicht jeder Konflikt ist eine Gefahr. Das klingt selbstverständlich, war für mich aber wichtig. Denn wenn man unter Ängsten leidet, fühlt sich vieles bedrohlich an, was objektiv betrachtet einfach nur unangenehm ist. Es gibt einen großen Unterschied zwischen einer echten Gefahr und einem Konflikt, den man nicht mag. Beides löst ähnliche Gefühle aus, aber es ist nicht dasselbe.

Heute versuche ich deshalb genauer hinzusehen. Ist das wirklich eine Gefahr oder fühlt es sich nur so an? Ist tatsächlich etwas passiert oder beschäftigt mich vor allem die Vorstellung dessen, was passieren könnte? Diese Fragen lösen die Angst nicht sofort auf. Aber sie helfen mir, wieder etwas näher an die Realität heranzukommen. Denn wenn ich ehrlich bin, dann haben sich viele meiner schlimmsten Befürchtungen im Nachhinein nie bewahrheitet. Es sind bloßen Gedankenspiele geblieben. Die Angst hatte sie vorher riesengroß gemacht. Die Wirklichkeit war oft deutlich kleiner.

Ich werde Konflikte nie mögen

Wahrscheinlich werde ich Konflikte nie mögen. Vielleicht muss ich das auch gar nicht. Nicht jeder Mensch muss lernen, Streit toll zu finden. Aber ich möchte lernen, mich von Konflikten nicht mehr so lange beherrschen zu lassen. Und außerdem möchte ich nicht zulassen, dass wenige Minuten mein Denken für Tage bestimmen. Das gelingt nicht immer. Manchmal sitze ich trotzdem da und denke über Dinge nach, die längst vorbei sind. Und dann malt mein Kopf immer noch die schlimmsten Szenarien aus. Aber inzwischen erkenne ich wenigstens, was gerade passiert. Ich erkenne den Unterschied zwischen dem tatsächlichen Ereignis und den Geschichten, die meine Angst daraus macht.

Und genau das hilft mir. Denn am Ende möchte ich mein Leben nicht nach meinen Ängsten ausrichten. Ich möchte weiterhin spazieren gehen, Dinge erleben und mein Leben genießen. Auch dann, wenn mir Konflikte schwerfallen. Vielleicht ist das keine besondere Erkenntnis. Für mich ist sie trotzdem wichtig, denn manchmal besteht Mut nicht darin, keine Angst zu haben, sondern Mut ist trotz der Angst weiterzugehen.

Wie wir damit umgehen können

Im Laufe der Jahre habe ich festgestellt, dass es für mich nicht funktioniert, jeden Konflikt gedanklich lösen zu wollen. Wir können Konflikte einfach nicht immer vermeiden. Ich konzentriere ich mich mittlerweile auf das, was ich selbst beeinflussen kann. Habe ich mich korrekt verhalten? Habe ich nach bestem Wissen gehandelt? Wenn ich diese Fragen mit Ja beantworten kann, versuche ich, die Angelegenheit loszulassen. Außerdem habe ich gelernt, dass nicht jede Meinung anderer Menschen wichtig für mein Leben ist. Manche Menschen werden mich mögen, andere nicht. Manche werden meine Sicht verstehen, andere vielleicht nie. Das gehört zum Leben dazu. Gerade für Menschen mit Angststörungen ist das oft schwer auszuhalten, weil wir Sicherheit suchen. Doch absolute Sicherheit gibt es nicht. Was mir hilft, ist die Erkenntnis, dass ich auch mit Unsicherheit leben kann. Ich muss nicht wissen, was andere über mich denken und ich muss auch nicht jede Situation kontrollieren. Konflikte muss ich nicht gewinnen. Oft reicht es völlig aus, zu wissen, dass ich meinen Weg gegangen bin und mir selbst treu geblieben bin. Das nimmt der Angst zwar nicht immer die Kraft, aber es verhindert, dass sie mein Leben bestimmt.

Ich habe gelernt, dass Leben ist viel zu kostbar und viel zu schnell vergeht es, als dass wir uns wegen solcher Konflikte unser Glück und unsere Zufriedenheit zerstören lassen dürfen.

Wir dürfen und müssen authentisch sein, ehrlich und auch gehört Selbstvertrauen dazu.

Genauso die Gelassenheit, unsere Herausforderungen im Leben zu meistern. Mut zu haben, trotz unserer Angststörung.

Trotz meiner Angststörung lebe ich gerne, bin zufrieden und glücklich. Ja, ich halte Konflikte mittlerweile sehr aus.

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