Warum ich trotz Angst wieder gerne lebe

Lebensfreude - Warum ich trotz Angst wieder gerne lebe

Das Comeback der Lebensfreude

Wenn man mir auf dem Höhepunkt meiner Angststörung gesagt hätte, dass ich irgendwann wieder morgens aufwache und mich einfach auf den Tag freue, hätte ich laut gelacht. Oder geweint. Je nachdem, wie viel Kraft ich gerade noch hatte. Damals war mein Horizont komplett von Sorgen verstellt und die Angst hatte mich im Griff. Jeder Tag fühlte sich an wie ein zäher Kaugummi, ein reines Überlebensmanöver, bei dem es nur darum ging, die nächste Panikattacke irgendwie unbeschadet zu überstehen. Ein Leben, das man „gerne“ lebt, schien für mich in unerreichbare Ferne gerückt zu sein.

Heute ist die Angst nicht für immer aus meinem System gelöscht, manchmal klopft sie immer noch ab an, mal intensiver, mal weniger. Aber das Entscheidende hat sich verändert: Ich lebe wieder verdammt gerne.

Dieses neue Gefühl ist kein künstlicher Dauer-Optimismus. Es ist eine Freude am Dasein, die gerade, weil ich die Angst kenne, eine positive Kraft entwickelt hat. Es ist das Wissen, dass die Angst zwar ein Teil meiner Realität sein kann, aber eben nicht mehr die Hauptrolle spielt.

Lebensfreude, Glück und Angstfreiheit

Mein größter Denkfehler war jahrelang die Annahme, dass Lebensfreude, Glück und Angststörung sich gegenseitig ausschließen. Ich dachte, solange mein Körper zittert, mein Herz rast oder der Schwindel mich einholt, ist es unmöglich, glücklich zu sein. Ich war fast schon süchtig nach der Vorstellung einer absoluten Angstfreiheit. Erst wenn diese Angst komplett weg ist, so mein damaliger Glaube, darf die Freude wieder da sein.

Der Wendepunkt kam, als ich diese beiden Dinge voneinander getrennt habe. Ich habe gelernt, dass im Hintergrund auch der Alarmmodus laufen kann, während ich im realen Leben trotzdem die Wärme einer Tasse Tee genieße oder über einen Witz lachen kann. Die Gesellschaft von Menschen genieße. Oder mit Freude einkaufen gehe.

Diese Entkopplung nimmt der Angst ihre schärfste Waffe: diese Angst-Dominanz. Wenn du akzeptierst, dass ein ängstlicher Körper kein Verbot für einen schönen Moment ist, bricht das Konstrukt der Angststörung in sich zusammen. Ich genieße mein Leben heute, trotz der gelegentlichen Anwesenheit der Angst und manchmal auch der Panik. Die Intensität des Lebens misst sich nicht mehr an der Abwesenheit von Angst, sondern an der Fülle der schönen Momente, die ich trotz allem zulasse.

Es gibt diese wunderbaren Momente im Leben

Eine unerwartete Begleiterscheinung, wenn wir diese Angst akzeptieren, sie nicht mehr als Lebensinhalt betrachten, lässt uns das Leben wieder genießen.

Menschen, die nie eine Angststörung hatten, nehmen viele Dinge als selbstverständlich hin. Sie gehen einkaufen, fahren in den Urlaub, setzen sich in volle Cafés, ohne einen einzigen Gedanken an ihr inneres Befinden zu verschwenden.

Für mich ist der Alltag einfach wieder schön. Wer wochenlang Angst davor hatte, auch nur den Fuß zum Beispiel in den Supermarkt zu setzen, erlebt die Welt nach der Krise mit völlig neuen Augen. Ein einfacher Spaziergang durch den Wald, bei dem der Wind durch die Bäume pfeift und die Sonne durch das Laub bricht, löst in mir heute eine tiefere Dankbarkeit aus, als es ein Luxusurlaub früher je gekonnt hätte. Ich hatte lange die Bedeutungslosigkeit der kleinen Dinge verloren. Jedes unbeschwerte Gespräch mit Freunden, jedes Mal, wenn ich im Auto sitze und laut Musik höre, ohne meinen Puls zu checken – all das sind für mich persönliche Triumphe. Die Angst hat mich gelehrt, das Gewöhnliche als das Außergewöhnliche zu sehen, das es eigentlich ist.

Die ständige Kontrolle ist weg

Warum lebe ich heute wieder gerne? Weil ich aufgehört habe, das Leben kontrollieren zu wollen. Eine Angststörung ist im Kern der verzweifelte, untaugliche Versuch, jede Eventualität des Lebens im Voraus abzusichern. Man will garantieren, dass man nicht ohnmächtig wird, dass man keine Fehler macht, dass niemand einen verurteilt und dass keine Katastrophe eintritt. Dieser Kontrollwahn ist so unfassbar erschöpfend, dass er jegliche Lebensfreude im Keim erstickt.

Erst als die Angst mich komplett in die Knie gezwungen hatte, begriff ich: Die totale Sicherheit ist eine Illusion. Das Leben ist von Natur aus unsicher, unberechenbar und manchmal chaotisch.

Seit ich das nicht mehr bekämpfe, sondern als Spielregel des Lebens akzeptiere, ist eine enorme Last von meinen Schultern gefallen. Ich muss nicht mehr wissen, was in fünf Minuten passiert. Auch muss nicht mehr die Garantie bekommen, dass mein Körper jede Sekunde perfekt funktioniert. Dieses Loslassen der Kontrolle fühlt sich anfangs irgendwie ungewohnt an, entpuppt sich aber schnell als das Gefühl von Freiheit.

Vom Überleben mit Angst – zurück zur Lebensfreude

Wenn man in der Angst feststeckt, schrumpft das Handeln auf ein Minimum zusammen: Man funktioniert nur noch, arbeitet To-do-Listen ab und versucht, keine Fehler zu machen. Das ist ein reiner Überlebensmodus. Und, man bewegt sich in einem engen, grauen Korridor aus Pflichten und Sicherheitsvorkehrungen. Im Alarm- und Kontrollmodus.

Wieder gerne zu leben bedeutet, diesen einstigen Weg bewusst zu verlassen und vom Überleben zurück ins echte Erleben zu wechseln. Das bedeutet, wieder Risiken einzugehen. Wieder neugierig zu sein. Dinge zu tun, einfach nur, weil sie sich gut anfühlen, und nicht, weil sie „sicher“ sind. Raus aus dieser Sicherheits-Komfortzone.

Ich habe angefangen, mein Leben wieder nach meinen Werten und Wünschen auszurichten, statt nach meiner Angst und Panik. Wenn ich heute Lust habe, ein neues Hobby auszuprobieren, mich irgendwie zu verändern oder spontan jemanden zu treffen, dann tue ich das. Die Angst meldet sich dabei oft verlässlich zu Wort und flüstert: „Bist du sicher? Was, wenn das schiefgeht?“ Aber ich antworte ihr heute anders. Ich sage: „Mag sein, dass es schiefgeht. Aber ich will wissen, wie es sich anfühlt, es versucht zu haben.“

Meine Erfahrungen

Ich lebe heute wieder gerne, weil ich die Angst nicht mehr als meinen Gegner betrachte, sondern als eine Art strengen, manchmal unbarmherzigen Lehrmeister. Die Angst hat mich gezwungen, mein gesamtes Leben zu hinterfragen: meine Grenzen, meine Ansprüche an mich selbst, meine Definition von Erfolg und mein Verhältnis zu meinem eigenen Körper.

Die Angststörung hat mein altes, kartenhausartiges Leben zum Einsturz gebracht, ja. Aber sie hat mir dadurch auch Platz verschafft, um ein neues, stabileres und ehrlicheres Fundament zu bauen.

Ich bin nicht mehr unverwundbar, und ich bin nicht mehr naiv. Ich kenne die Abgründe der eigenen Psyche. Aber genau dieses Wissen macht mich heute so stark. Das Leben ist nicht perfekt, es ist nicht frei von Sorgen oder Rückschlägen. Aber es ist verdammt groß, bunt und lebenswert. Und ich bin unendlich froh, dass ich den Mut hatte, den Blick wieder vom Boden zu heben, um all das wieder sehen zu können.

Heute freue ich mich wieder auf viele Dinge. Auf einen Kaffee am Morgen und Gespräche mit Menschen. Ich höre gerne wieder gute Musik. Die Spaziergänge in der der Natur. Einfach nur auf normale Tage. Früher dachte ich, Lebensfreude kommt erst zurück, wenn die Angst verschwunden ist. Heute weiß ich, dass das nicht stimmt.

Die Angst ist manchmal da, aber auch die Lebensfreude, dieses Glücksgefühl, das ich solange vermisst habe. Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erfahrung, die ich in all den Jahren gemacht habe.

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