Grübeln verstärkt die Angst

Warum Nachdenken oft alles noch schlimmer macht
Grübeln gehört für viele Menschen mit Angststörungen fast genauso zum Alltag wie die Angst selbst. Auch bei mir war das lange so. Kaum war eine Sorge verschwunden, tauchte die nächste auf. Ständig kreisten die Gedanken um dieselben Themen. Warum geht es mir so? Woher kommen die Symptome? Was stimmt nicht mit mir? Und wann hört das endlich wieder auf? Dann machten ich mir Sorgen um die Menschen, die mir nahestehen. Auch, dass ich möglichst perfekt bin, keine Fehler mache.
Damals glaubte ich, dass mir das Nachdenken helfen würde. Ich wollte die Ursache finden, die Angst verstehen und endlich eine Lösung entdecken. Rückblickend war genau das ein Teil des Problems. Denn während ich nach Antworten suchte, beschäftigte ich mich fast den ganzen Tag mit meiner Angst.
Je mehr Aufmerksamkeit die Angst bekam, desto wichtiger wurde sie für mein Gehirn. Jede körperliche Veränderung fiel mir sofort auf. Ein schneller Herzschlag, ein kurzer Schwindelmoment oder ein seltsames Gefühl im Bauch wurden sofort analysiert. Früher hätte ich solche Dinge wahrscheinlich gar nicht bemerkt. Jetzt standen sie ständig im Mittelpunkt.
Besonders schwierig war, dass Grübeln selten zu einer echten Lösung führte. Stattdessen entstanden immer neue Fragen. Kaum war ein Gedanke beruhigt, meldete sich der nächste Zweifel. War die Erklärung wirklich richtig? Hatte ich etwas übersehen? Was ist, wenn doch etwas Ernstes dahintersteckt? Auf diese Weise drehte sich alles immer weiter im Kreis.
Grübeln fühlt sich sinnvoll an
Das Gemeine am Grübeln ist, dass es sich oft vernünftig anfühlt. Schließlich versucht man nur, eine Erklärung zu finden oder ein Problem zu lösen. Genau deshalb bemerken viele Menschen lange Zeit gar nicht, wie sehr sie sich darin verfangen haben.
Bei Angststörungen geht es jedoch häufig nicht um fehlende Informationen. Die meisten Betroffenen wissen irgendwann sehr viel über ihre Symptome, ihre Ängste und ihre Sorgen. Trotzdem bringt dieses Wissen oft nicht die erhoffte Ruhe. Stattdessen sucht der Kopf weiter. Immer in der Hoffnung, endlich die eine Antwort zu finden, die alle Zweifel verschwinden lässt.
Diese Antwort gibt es meistens nicht.
Je länger man nach absoluter Sicherheit sucht, desto unsicherer fühlt man sich oft. Das liegt daran, dass sich das Leben nicht vollständig kontrollieren lässt. Es bleibt immer eine gewisse Unsicherheit. Genau diese Unsicherheit auszuhalten, fällt Menschen mit Ängsten oft besonders schwer.
Die Angst bleibt ständig im Mittelpunkt
Irgendwann bemerkte ich, wie viel Zeit und Energie das Grübeln eigentlich verschlang. Selbst in ruhigen Momenten war mein Kopf beschäftigt. Beim Spazierengehen, beim Fernsehen oder sogar im Gespräch mit anderen Menschen liefen die Gedanken oft im Hintergrund weiter.
Dadurch bekam die Angst immer mehr Platz in meinem Leben.
Nicht weil sie tatsächlich stärker wurde, sondern weil ich mich ständig mit ihr beschäftigte. Alles drehte sich um Symptome, Sorgen und mögliche Probleme. Die Aufmerksamkeit war fast ausschließlich auf das gerichtet, was Angst machte.
Genau darin liegt eine der größten Fallen des Grübelns. Es hält den Blick dauerhaft auf die Angst gerichtet. Alles andere tritt langsam in den Hintergrund.
Was mir irgendwann geholfen hat
Eine wichtige Erkenntnis war für mich, dass nicht jede Frage beantwortet werden muss.
Manche Gedanken tauchen auf und verschwinden wieder. Andere kommen immer wieder zurück. Das bedeutet aber nicht, dass ich mich jedes Mal erneut mit ihnen beschäftigen muss.
Je weniger ich versuchte, jeden Gedanken zu analysieren, desto ruhiger wurde es langsam in meinem Kopf. Die Angst verschwand nicht von heute auf morgen. Das wäre schön gewesen. Aber sie verlor nach und nach an Bedeutung.
Heute weiß ich, dass Grübeln mir nicht geholfen hat. Es hat die Angst größer gemacht, als sie eigentlich war. Die wirkliche Veränderung begann erst, als ich aufhörte, ständig nach Antworten zu suchen, und begann, mein Leben wieder mehr in den Mittelpunkt zu stellen als meine Angst.
Nach und nach konnte ich endlich wieder mehr Freude am Leben entwickeln und glücklich sein.

